Projekt Proliefs
Was ist das Projekt Proliefs?
Es ist unbestritten, dass Gruppenarbeit im Unterricht, sowie Techniken der Klassenführung einen positiven Einfluss auf die Leistung aller Kinder einer Klasse haben können. Jedoch zeigt die Empirie, dass Lehrkräfte Gruppenarbeitsmethoden und Klassenführungsstrategien selten oder wenig systematisch einsetzen. Dies könnte an einer zwiespältigen Haltung der Lehrkräfte im Bezug auf diese Unterrichtselemente liegen.
Das Projekt Proliefs beschäftigt sich daher mit den Überzeugungen von Lehrkräften bezüglich Gruppenarbeit und Klassenführung. Überzeugungen beziehen sich auf Meinungen, Annahmen und Werturteile, welche unterschiedlich gut durchdacht und mehr oder weniger differenziert sein können. Der Projektname steht für Professional Beliefs, bezieht sich also auf professionelle Überzeugungen, die gut begründet und reflektiert sind. Im Projekt unterscheiden wir intuitive und professionelle Überzeugungen und untersuchen die die Frage, welche Faktoren die Umwandlung von intuitiven in professionelle Überzeugungen unterstützen.
Wir wissen aus der Forschung, dass sich Überzeugungen von Lehrkräften im Laufe der Berufskarriere nur wenig verändern. Die Conceptual-Change-Forschung erklärt dies folgendermaßen: Bestehende Konzepte und Überzeugungen werden nur dann verändert, wenn sie nicht mehr hinreichend zur Erklärung neuer Phänomene sind und neue Konzepte mit besserem Erklärungswert zur Verfügung stehen (Posner et al., 1982; Vosniadou & Brewer, 1987).
Folglich wäre eine nachhaltige Veränderung von Überzeugungen nur dann möglich, wenn Lehrkräfte die Grenzen ihre bisherigen intuitiven Überzeugungen kennen lernen und diese reflektieren können, d.h. sie lernen, zu differenzieren. Bisherige Studien zu Überzeugungsveränderungen bei Lehrkräften zeigen allerdings, dass Veränderungen oft nicht nachhaltig sind, vermutlich weil die notwendige Reflektion selten stattfindet. Ein wichtiger Aspekt, der die Bereitschaft zur Reflektion vermutlich beeinflusst, sind motivational-affektive Einflussfaktoren. Diese wurden in der Forschung zu Lehrerüberzeugungen bisher kaum thematisiert.
Die Untersuchung von motivational-affektiven Einflussfaktoren ist daher das Anliegen des Projekts Proliefs. Ausgehend von einem theoretischen Modell der Überzeugungsveränderung (Gregoire, 2003), nehmen wir an, dass nachhaltige Überzeugungsveränderung nur dann stattfindet, wenn Lehrkräfte sich systematisch mit ihren bisherigen Überzeugungen auseinandersetzen, und dass die Art der Auseinandersetzung durch motivationale Variablen bestimmt wird.
Ziele des Projekts und Fragestellungen
Ziel der Studie ist die Exploration und Systematisierung der intuitiven Überzeugungen von Lehrkräften bezüglich Gruppenarbeit und Klassenführung und eine Überprüfung des theoretischen Modells vom Einfluss motivational-affektiver Einflussfaktoren auf die Überzeugungsveränderung.
Forschungsdesign und Untersuchungsmethoden
Die Umsetzung erfolgt in drei Studien, die im Folgenden einzeln beschrieben werden. In diesen drei Studien werden Grundschullehrkräfte untersucht.
Studie 1: Identifikation von intuitiven Konzepten
Die Studie umfasst ein halbstandardisiertes Interview, in dem die Lehrkräfte zu ihren Meinungen und Erfahrungen und wahrgenommenen Vor- und Nachteilen bezüglich Gruppenarbeit und Klassenführung befragt werden. Zentrum des Interviews ist dabei die Ermittlung von Überzeugungen, die den Einsatz der Unterrichtselemente möglicherweise hemmen. Die Interview-Antworten der Lehrkräfte werden mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring, 2000) in übergeordnete Kategorien zusammengefasst. Es werden Leitthemen, die die intuitiven Überzeugungen formen, identifiziert.
Als Stichprobe werden 20 Grundschullehrkräfte mit unterschiedlicher Berufserfahrung befragt.
Studie 2: Zusammenhänge zwischen Überzeugungen, motivational-affektiven Variablen und der praktischen Veränderungsbereitschaft.
In dieser Studie sollen einerseits die intuitiven Überzeugungen von Lehrkräften hinsichtlich ihrer Struktur und Verteilung quantifiziert werden, andererseits soll das kognitiv-affektive Modell der Überzeugungsveränderung empirisch überprüft werden. Für diese Studie sollen 300 Grundschullehrkräfte in einer Internet-basierten Fragebogenstudie befragt werden.
Studie 3: Studie zur Veränderung von Überzeugungen
In der dritten Studie wird untersucht, ob die reflektierte Auseinandersetzung mit den eigenen Überzeugungen wirklich zu einer Überzeugungsveränderung führt und ob die Art der Auseinandersetzung durch Merkmale der Lernumgebung beeinflussbar ist. Die Umsetzung erfolgt in einer Computer-basierten Studie, für die eine Stichprobe von 120 Grundschullehrkräften vorgesehen ist.
Synergien
Projektverantwortliche
Prof. Dr. Mareike Kunter
Dr. Annett Wilde
Ansprechpersonen
Anna-Theresia Decker, Dipl.-Psych.
Mitarbeiterinnen
Johanna Seiz, Dipl.-Psych.
Anna-Theresia Decker, Dipl.-Psych.
