Projekt Individuell angemessene Lernumgebungen

Adaptive Lernumgebungen entwickeln und erforschen

In aktuellen Diskussionen werden kognitive Entwicklungsstörungen, niedriger sozioökonomischer Status und Migrationshintergrund als Risikofaktoren für eine ungünstige Entwicklung angesehen (z. B. OECD, 2006). Um einer ungünstigen Entwicklung entgegenzuwirken, ist eine frühe Intervention notwendig. Hierzu bedarf es einer individuellen Förderung in Abhängigkeit von den Voraussetzungen und Bedürfnissen der Lernenden. Diese Zielsetzung in Zusammenhang mit einer großen Heterogenität der Schülerinnen und Schüler stellt eine Herausforderung im Schulalltag dar. Terhart (2006) sieht den Umgang mit Heterogenität, die Fähigkeit besondere Förderbedürfnisse zu diagnostizieren und die Kompetenz individualisierte Anreize fürs Lernen zu geben als zentrale Aspekte in der Professionalisierung von Lehrkräften an (s. a. Krammer, Hugener & Reusser, 2007; Krummheuer, 2007). Und auch auf der Ebene der Schulorganisation bedarf es entsprechender Strukturen und Unterstützung, um Schülerinnen und Schüler in ihrer Entwicklung bestmöglich zu fördern.

Projekte im Programmbereich "Individuell angemessene Lernumgebungen" beschäftigen sich mit der Frage, wie im Unterricht und auf Ebene von Schulorganisation Lernumgebungen gestaltet und strukturiert werden können, um Lernende in Abhängigkeit von ihren Voraussetzungen und Bedürfnissen optimal in ihrer Entwicklung zu unterstützen. In diesem Zusammenhang lässt sich auch von "adaptiven Lernumgebungen" sprechen. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei – entsprechend den Zielsetzungen von IDeA – auf Kindern mit Lernschwierigkeiten im Bereich Lesen und Schreiben oder Rechnen sowie mit Verhaltensproblemen oder emotionalen Auffälligkeiten. Projekte aus diesem Programmbereich finden teils in Zusammenarbeit mit Projekten des Programmbereichs "Professionalisierung von Lehrkräften" statt. Eine enge Kooperation besteht zum Projekt Elternberatung an Grundschulen (elbe)

Adaptive Lernumgebungen

Um die Heterogenität in den kognitiven und psychosozialen Merkmalen sowie den kulturellen Hintergrund der Lernenden im Unterricht zu berücksichtigen (und somit benachteiligte Kinder erfolgreich einzubeziehen), erscheint es notwendig, Lernumgebungen adaptiv in Hinblick auf die individuellen Voraussetzungen und Bedürfnisse der Lernenden zu gestalten und zu strukturieren. In adaptiven Lernumgebungen werden Freiräume für individuelles Lernen gegeben und dabei unterschiedliche Lerntypen und -strategien berücksichtigt. Gleichzeitig werden gezielte Unterstützungen beim Lernen angeboten und Inhalte an den jeweiligen Wissensstand der Lernenden angepasst (vgl. Reinmann-Rothmeier & Mandl, 1998).

Ziele adaptiver Lernumgebungen

Mit der individuellen Förderung von Schülerinnen und Schülern in adaptiven Lernumgebungen werden keineswegs divergente und individualisierte Lernverläufe angestrebt. Vielmehr sollen möglichst alle Schülerinnen und Schüler "in ein Boot geholt werden". Die Schulklasse als Ganzes soll ein bestimmtes Lernziel erreichen. Zu den Zielen gehört es somit, das Ausmaß der Heterogenität in den Leistungsständen innerhalb von Klassen und auch innerhalb von Schulen zu verringern und insbesondere Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten im Bereich Lesen und Schreiben oder Rechnen sowie mit Verhaltensproblemen oder emotionalen Auffälligkeiten zu unterstützen.

Während Effekte adaptiven Unterrichts vor allem in Hinblick auf schulische Leistungen untersucht worden sind, wurde die Erfassung psychosozialer Konsequenzen bislang weitgehend vernachlässigt. So könnte ein individuelles Eingehen der Lehrkraft mit stärkerer Konkurrenz unter den Schülerinnen und Schülern oder auch mit Ausgrenzung aus der Klassengemeinschaft einhergehen (z. B. O’Rourke & Houghton, 2008). Negative Folgen für motivationale und affektive Lernhaltungen sowie für das Klassenklima sind bislang jedoch eher selten untersucht worden (für einen Überblick vgl. Morawietz, 1980). Hier schließt sich die Frage an, wie adaptive Lernumgebungen gestaltet und strukturiert werden können, damit sie sowohl mit positiven Leistungsentwicklungen als auch mit günstigen motivationalen sowie psychosozialen Konsequenzen einhergehen.

Gestaltung und Strukturierung adaptiver Lernumgebungen durch Lehrkräfte

Die Gestaltung und Strukturierung adaptiver Lernumgebungen stellt besondere Anforderungen an Lehrkräfte. Diese müssen für eine bestmögliche Förderung der Schülerinnen und Schüler deren Voraussetzungen und Bedürfnisse erkennen, sie in ihrem eigenständigen Lernen begleiten und individuell auf sie eingehen. Die Vermittlung entsprechender Kompetenzen wird als zentraler Bestandteil in der Professionalisierung von Lehrkräften angesehen (z. B. Terhart, 2006). Um Schülerinnen und Schüler bestmöglich zu unterstützen, können Lehrkräfte z. B. individuelle Unterrichtsmethoden einsetzen oder unterschiedliche Lerngelegenheiten zur Verfügung stellen. Ihre erfolgreiche Umsetzung steht dabei in engem Zusammenhang mit weiteren Merkmalen von Unterrichtsqualität (Lipowsky, 2002; Pauli & Reusser, 2003). Im Rahmen des DFG-Projekts „Pythagoras / Unterrichtsqualität und mathematisches Verständnis in verschiedenen Unterrichtskulturen“ wurde gemeinsam vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung und dem Pädagogischen Institut der Universität Zürich ein Modell zur Unterrichtsqualität entwickelt, in dem drei Basisdimensionen angenommen werden (vgl. Klieme, Lipowski, Rakoczy & Ratzka, 2006 und auch Kunter et al., 2007): kognitive Aktivierung, unterstützendes Klassenklima und effizientes Klassenmanagement. In diesem Modell wird Unterrichtsqualität (insbesondere kognitive Aktivierung) stets als abhängig vom Inhalt des Unterrichts gesehen, es werden Interaktionen zwischen den Basisdimensionen und Schülermerkmalen angenommen und dabei theoretische Annahmen zu Kognition und Motivation miteinander verbunden.

Rahmenbedingungen adaptiver Lernumgebungen

Möglichkeiten zur Gestaltung und Strukturierung adaptiver Lernumgebungen müssen in Abhängigkeit von den Rahmenbedingungen im Schulalltag betrachtet werden. So ist bspw. im Curriculum ein bestimmter Inhalt und Umfang an Unterrichtsstoff festgelegt. Ebenso berichten Lehrkräfte, dass eine hohe Anzahl an Kindern in einer Klasse sowie stark heterogene Lernvoraussetzungen und Bedürfnisse besondere Herausforderungen bei der individuellen Förderung darstellen (z. B. Roeder, 1997). Hinzu kommen Aspekte der Schulorganisation: Handlungsspielräume und Motivation der Lehrkräfte zur Gestaltung und Strukturierung adaptiver Lernumgebungen hängen davon ab, welche Ressourcen (Zeit, Raum, Förderangebote) die Schule zur Verfügung stellt und welchen Stellenwert sie einer individuellen Förderung beimisst.

Ziele des Projektes und Fragestellungen

Projekte im gleichnamigen Programmbereich "Individuell angemessene Lernumgebungen" setzen an der übergeordneten Frage an: "Wie können im Unterricht und in Schulen Lernumgebungen gestaltet und strukturiert werden, um Lernende in Abhängigkeit von ihren Voraussetzungen und Bedürfnissen in ihrer Entwicklung individuell zu fördern?" Bezug nehmend auf die einleitenden Informationen lassen sich folgende übergeordnete Projektziele und Forschungsfragen ableiten:

  • Wie können Lehrkräfte adaptive Lernumgebungen gestalten und strukturieren, um ihre Schülerinnen und Schüler in ihrer Entwicklung individuell zu fördern? In welchem Zusammenhang stehen entsprechende Maßnahmen und Methoden mit dem Wissen, dem Verhalten und den subjektiven Theorien von Lehrkräften?
  • In welchem Zusammenhang stehen adaptive Lernumgebungen mit den Basisdimensionen von Unterrichtsqualität? Welche moderierenden Effekte der Basisdimensionen gibt es in Hinblick auf den Zusammenhang von individuellen Voraussetzungen und Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler und der Entwicklung schulischer Leistungen?
  • Lässt sich sicherstellen, dass adaptive Lernumgebungen auch mit positiven Veränderungen in sozio-emotionalen Merkmalen der Schülerinnen und Schüler einhergehen?
  • In welchem Ausmaß kann die Lehrkraft im Schulalltag Lernumgebungen individuell angemessen gestalten und strukturieren? Wie sehen Rahmenbedingungen hierzu aus, welche Resssourcen und welche Barrieren gibt es? In welchem Zusammenhang steht die Gestaltung und Strukturierung adaptiver Lernumgebungen mit Aspekten der Schulorganisation?

Beschreibung der Meilensteine im laufenden Jahr

Mit Beginn des Jahres 2010 starten auch die Programmbereiche "Individuell angemessene Lernumgebungen" und "Professionalisierung von Erziehenden" im Forschungszentrum IDeA. Um diese vorzubereiten, wurden in diesem Projekt erste Lehrerbefragungen durchgeführt, deren Ergebnisse für die Ausgestaltung der startenden Projekte herangezogen werden. Bisherige und zukünftige Schwerpunkte des Projekts sind in der folgenden Grafik veranschaulicht.

Individuell_angemessene_lernumgebungen_Grafik

 

Projektverantwortliche

Prof. Dr. Eckhard Klieme
Dr. Jasmin Warwas

Kontaktadresse

warwas@dipf.de

 

 

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