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Projekt MILA

Was ist das Projekt MILA?

Das Projekt MILA (The Role of Migration Background and Language Impairment in Language Achievement) untersucht den Spracherwerb bei Kindern mit Deutsch als Erst- und Zweitsprache. Um Parallelen zum gestörten Entwicklungsverlauf ziehen zu können, schließt die Studie auch Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen ein. In einem kombinierten Längsschnitt- und Querschnittsdesign werden sowohl standardisierte Verfahren als auch experimentelle Designs der Spracherwerbsforschung eingesetzt.

Hintergrund

Zahlreiche Studien belegen, dass ein beachtlicher Teil der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufgrund unzureichender Deutschkenntnisse im deutschen Bildungssystem benachteiligt ist; auch deutschsprachige Kinder weisen offenbar vermehrt Sprachdefizite auf (vgl. Britz, 2006; Krohne, Meier & Tillmann, 2004). In vielen Bundesländern werden daher inzwischen Screening- und Förderinstrumente eingesetzt, die darauf abzielen, sprachauffällige Kinder frühzeitig zu erkennen und zu fördern. Zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche Sprachförderung ist dabei, dass zuvor der Sprachentwicklungsstand der Kinder genau erfasst werden kann, um daraus konkrete Förderziele ableiten zu können.

In der Praxis werden Sprachauffälligkeiten bei zwei Gruppen von Kindern beobachtet: bei monolingualen Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen sowie bei frühen Zweitsprachlernern. Basierend auf einer Reihe von Forschungsarbeiten zum monolingualen Deutscherwerb wurden für monolinguale Kinder inzwischen eine Reihe normierter Diagnoseinstrumente entwickelt, die es ermöglichen, Sprachentwicklungsstörungen zu erkennen. Für den frühen Zweitspracherwerb des Deutschen liegen jedoch nur wenige Studien vor (vgl. Rothweiler, 2006; Thoma & Tracy, 2006).

Im Projekt MILA sollen daher Erwerbsprofile für den ungestörten Zweitspracherwerb charakterisiert werden. Wir führen eine kombinierte Längs- und Querschnittsuntersuchung durch, in der wir den Spracherwerb bei Kindern mit Deutsch als Erst- und Zweitsprache vergleichen. Um Parallelen und Unterschiede zum gestörten Entwicklungsverlauf feststellen zu können, schließt die Studie auch Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen ein.

Ziele des Projektes und Fragestellungen

Seit den PISA-Studien (z.B. Prenzel et al., 2007) ist der frühe Zweitspracherwerb stärker in den Blickpunkt des Forschungsinteresses gerückt. Vergleichende Untersuchungen des Erst- und frühen Zweitspracherwerbs (vgl. Rothweiler, 2006; Thoma & Tracy, 2006) deuten darauf hin, dass der frühe Erwerb einer Zweitsprache Kinder nicht per se überfordert. Vielmehr durchlaufen frühe Zweitsprachlerner wichtige Erwerbsschritte oft sogar schneller als monolinguale Kinder - unter der Voraussetzung, dass eine vergleichbare Lernumgebung besteht wie für die monolingualen Kinder.

Die bislang vorliegenden Untersuchungen fokussierten die produktiven Leistungen der Lerner im Bereich der Morphosyntax und untersuchten diese in kleinen Probandengruppen mit einer kleinen Anzahl verschiedener Erstsprachen. Offen ist zum einen, ob die beobachteten Ergebnisse sich auf größere Probandengruppen und Lerner mit vielen unterschiedlichen Erstsprachen übertragen lassen.
Zum anderen ist die Entwicklung des Sprachverständnisses bei Kindern mit Deutsch als Zweitsprache bisher kaum Gegenstand der Forschung. Das ist insofern problematisch, als Sprachverstehen ein zentraler Bestandteil der menschlichen Sprachkompetenz ist und ein intaktes Sprachverständnis eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Teilhabe an Bildungsprozessen darstellt.
Um die Erwerbswege von Kindern mit Deutsch als Zweitsprache genauer bestimmen zu können, ist eine detaillierte Untersuchung der einzelnen Entwicklungsschritte in den Bereichen Sprachverstehen und Sprachproduktion an einer größeren Stichprobe erforderlich. In unserem Projekt MILA vergleichen wir deshalb die Erwerbswege der frühen Zweitsprachlerner mit denen der monolingual Deutsch lernenden Kinder in zwei Probandengruppen von je ca. 60 Kindern. Die Erwerbsverläufe dieser zwei Probandengruppen werden mit den Erwerbsverläufen von Kindern kontrastiert, die eine Sprachentwicklungsverzögerung bzw. eine Sprachstörung aufweisen.

Zusammengefasst verfolgen wir mit unserem Projekt folgende Ziele:

  • Charakterisierung des Erwerbsverlaufs und der Erwerbswege im unauffälligen Zweitspracherwerb vor allem im Hinblick auf die Entwicklung des Sprachverständnisses
  • Vergleich des gestörten und ungestörten Zweitspracherwerbs, um so die Entwicklung linguistisch fundierter Diagnostikverfahren und Förderkonzepte zu ermöglichen

Forschungsdesign und Untersuchungsmethoden

Mädchen mit ErzieherinIm Rahmen der Studie MILA werden etwa 120 Kinder in einem kombinierten Längs- und Querschnittsdesign untersucht. Die Stichprobe setzt sich aus zwei Gruppen mit je ca. 60 Kindern zusammen: monolingual Deutsch sprechende Kinder und Kinder mit Deutsch als Zweitsprache. In beiden Gruppen sind auch Kinder mit einer Sprachentwicklungsstörung vertreten.
Mit den Kindern, deren Eltern der Teilnahme an MILA zugestimmt haben, werden seit Frühjahr 2009 zweimal jährlich Erhebungen durchgeführt. Für das Frühjahr 2012 ist die sechste Erhebung vorgesehen.
Für die Erhebungen wird eine Kombination standardisierter und nicht standardisierter Verfahren eingesetzt, die in der Spracherwerbsforschung und der Entwicklungspsychologie etabliert sind. Dazu zählen Spontansprachaufnahmen in freier Spielsituation, standardisierte Spracherhebungsverfahren und experimentelle Designs zur Erforschung des Sprachverstehens. Dieses Untersuchungsdesign erlaubt es, Entwicklungsverläufe zu untersuchen und durch den Querschnittsvergleich generalisierbare Aussagen zum typischen und atypischen Spracherwerb zu erhalten. Das Studiendesign ist von der Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGP) positiv begutachtet worden.

Meilensteine im laufenden Jahr

Nach den im Dezember 2008 bis Februar 2009 durchgeführten Erstscreenings mit etwa 600 Kindern in 57 Einrichtungen wurden 120 Kinder für die Teilnahme an der Langzeitstudie ausgewählt. Mit diesen Kindern werden seit Frühjahr 2009 verschiedene Erhebungsverfahren durchgeführt.

Die Ergebnisse der ersten Erhebungswelle bestätigen bisherige Einzelfallbeobachtungen, wonach Kinder mit Deutsch als Zweitsprache einen ähnlichen Spracherwerbsverlauf aufweisen wie monolinguale Kinder, wenn sie früh – zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr – mit dem Erwerb der Zweitsprache beginnen. Zudem zeigt sich, dass die Kontaktdauer zum Deutschen einen wichtigen Faktor für den Lernerfolg darstellt.

Um die Zusammenarbeit mit den teilnehmenden Betreuungseinrichtungen zu intensivieren und neue Formen des Wissenstransfers zwischen Forschung und Praxis zu etablieren, fanden im November 2009 und im Januar 2010 für die teilnehmenden Einrichtungen Workshops zum Thema Spracherwerb und Mehrsprachigkeit statt. Für die Eltern der teilnehmenden Kinder veranstalteten wir im September 2009 und im März 2010 Elternabende, um über den Stand der Untersuchung zu informieren und offene Fragen zu unserer Studie zu diskutieren.

Kooperationen im Forschungszentrum

Innerhalb des Forschungszentrums kooperieren wir mit den Projekten erStMaL und KoKo. ErStMaL untersucht die Entwicklung mathematischer Denkprozesse. KoKo erforscht ADHS als Faktor für Lernschwierigkeiten. Ziel der Kooperationen ist es, Verbindungen zwischen sprachlicher und mathematischer sowie zwischen sprachlicher und kognitiver Entwicklung herzustellen.

Projektverantwortliche

Prof. Dr. Petra Schulz
Dr. Angela Grimm
Magdalena Wojtecka
Rabea Schwarze

Studentische Mitarbeiter

Jasmin Becker
Jennifer Bock
Fulya Celebioglu
Vanya Dimitrova
Stamatis Katsivardas
Michéle Paul
Alessandro Riccitiello
Sally Schulze
Natalia Süß
Canan Tenglilimoglu
Zsuzsanna Vajda
Merle Weicker
Menekse Yurtlu

Kontaktadresse

mila@idea-frankfurt.eu