Projekt EMiL
Was ist das Projekt EMiL?
Einflussgrößen und Mechanismen der sozialen und ethnischen Herkunft für die individuelle Lernentwicklung und schulische Erfolge (EMiL).
Bildung ist eine Frage der Herkunft und zugleich eine entscheidende gesellschaftliche Ressource, die ungleich verteilt ist. Dies gilt für formale Bildungszertifikate, für gelerntes Wissen als auch für angeeignete Fähigkeiten und Kompetenzen. Diese so genannten Bildungsungleichheiten bestehen nicht zufällig, sondern stehen in einem systematischen Zusammenhang mit der Struktur der Gesellschaft. Es ist unumstritten, dass höhere Bildung mit besseren ökonomischen, sozialen und kulturellen Verwirklichungsmöglichkeiten einhergeht. Zum einen ist Bildung eine notwendige Voraussetzung zur Teilhabe an gesellschaftlichen Ressourcen. Zum anderen gilt der Zugang und die Partizipation der Eltern an wesentlichen gesellschaftlichen Ressourcen als wegweisend für ein erfolgreiches Durchlaufen der Schullaufbahn ihrer Kinder. Aus diesem Grund unterliegen die Bedingungen der schulischen Wissensvermittlung einer kritischen Beobachtung.
Unter anderem durch die erste PISA-Studie hat die Debatte um Bildungsungleichheiten in Deutschland einen neuen Impuls bekommen. Die Ergebnisse attestierten dem deutschen Bildungssystem ein hohes Maß an sozialer Selektivität. Zudem hoben die Ergebnisse die schlechte Position der Schülerschaft mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Trotz durchschnittlicher kognitiver Ressourcen profitieren Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status (SeS) und/oder Migrationshintergrund deutlich weniger vom Schulsystem als Kinder der autochthonen Bevölkerungsgruppe und mit höherem SeS. Neben dem SeS gilt der Migrationshintergrund damit als einer der bedeutendsten "Risikofaktoren" im Bildungssystem. Die soziale und ethnische Herkunft der Kinder nimmt somit eine bedeutende Rolle für die Erklärung des Erfolgs respektive Misserfolgs von Kindern im deutschen Schulsystem ein.
In der Primarstufe sind die Zusammenhänge zwischen sozialer und ethnischer Herkunft und Schulleistung noch eher moderat; erst nach dem Übergang in weiterführende Schulen verstärken sich diese. Ob dies als Erfolg des Grundschulsystems zu werten ist, wäre empirisch noch zu klären. Es ist darüber hinaus plausibel anzunehmen, dass der Grundstein für die im weiteren Verlauf auftretenden (Miss-)Erfolge bereits vor Schulbeginn gelegt wird sowie durch institutionelle wie auch außerschulische, u. a. familiale Faktoren mit bestimmt wird. Die soziale Interaktion innerhalb der Familie gilt hierbei als wichtige Mediatorvariable für den Einfluss von niedrigem SeS oder Migrationshintergrund auf die Schulleistung. Innerfamiliale soziale Praktiken die sich u. a. in Erziehungsstilen niederschlagen sind Brückenprozesse, die den Zusammenhang zwischen den Herkunftsmerkmalen der Kinder und deren Schulerfolg herstellen.
Im Projekt EMiL geht es darum zu analysieren inwiefern und warum, bezogen auf Deutschland und bei Kindern im Grundschulalter, soziale und ethnische Merkmale bedeutsam für den Schulerfolg von Kindern sind. Um diese Fragestellung adäquat beantworten zu können werden SeS, Elternverhalten und elterliche Vorstellungen sowie der Migrationshintergrund der Eltern getrennt analysiert. Zugleich sollen diese Faktoren in ihrem Zusammenspiel und in ihrer Wirkung auf die schulischen Erfolge empirisch untersucht werden. Die bisherigen Ergebnisse der quantitativen Bildungsforschung rücken die bestehenden Ungleichheiten in den öffentlichen Fokus. Um die dahinter liegenden Prozesse sichtbar und erklärbar zu machen, sind vertiefende qualitative Analysen innerhalb unterschiedlicher sozialer und ethnischer Gruppen geplant.
Ziele und Fragestellung
Ziel des Projektes EMiL ist es mittels qualitativer und quantitativer Forschungsansätze die Bedingungsfaktoren und die Mechanismen zu untersuchen, die den beschriebenen Zusammenhängen zwischen sozialer und ethnischer Herkunft sowie Schulerfolg zu Grunde liegen. Dafür wurde ein dem internationalen Forschungsstand gerecht werdendes quantitatives Instrument entwickelt, welches in den Stichproben der Forschungsprojekte im Rahmen des IDeA-Forschungsverbunds eine differenzierte Erfassung des sozialen Hintergrunds und des Migrationsstatus der Kinder ermöglicht. Aus den quantitativ erhobenen Daten werden Samples gezielt nach unterschiedlicher familialer Herkunft ausgewählt. Mehrere dieser Familien sollen mittels leitfadengestützter Interviews befragt werden. Ziel ist es, Mechanismen herauszuarbeiten, welche zu einem besseren Verständnis beitragen wie der günstige bzw. ungünstige Effekt sozialer und ethnischer Faktoren auf die schulischen Leistungen in der Grundschule zu verstehen ist.
Umsetzungsplan
Das Projekt EMiL arbeitet bei der Bearbeitung unterschiedlicher Teilfragestellungen mit einem breiten Methodenrepertoire.
Während der ersten Projektphase 2011 wurden die theoretischen Grundlagen sowie der nationale und internationale Forschungsstand erarbeitet. Zudem wurde ein Instrument zur Erhebung familialer Faktoren und Prozesse entwickelt, das eine soziale Verortung von Kindern gewährleistet sowie deren Migrationsstatus erhebt.
In Projektphase zwei folgt im Jahr 2012 die Datenerhebung in enger Zusammenarbeit mit den jeweils verantwortlichen Projektleiterinnen und Projektleitern im IDeA-Forschungsverbund.
In Projektphase drei werden mittels Kontrastierung Familien mit ungleichheitsrelevanten Profilen aus den Daten ausgewählt. Es schließt die Entwicklung leitfadengestützter Interviews mit mindestens einem Elternteil pro Familie an sowie die Datenerhebung mit den ausgewählten Familien zur Erfassung der familiären Praxis in Projektphase vier.
In der abschließenden Projektphase fünf werden die Interviews mittels inhaltsanalytischer Verfahren ausgewertet und interpretiert. Ziel ist das Herausarbeiten von kontrastiven Fällen und spezifischen familialen Merkmalen, die Aufschluss über den Zusammenhang von sozialer und/oder ethnischer Herkunft und Schulerfolg geben.
Projektverantwortliche
Prof. Dr. Tanja Betz
Prof. Dr. Marcus Hasselhorn
Dr. Sven Lindberg
Dr. Jan Lonnemann
Janosch Linkersdörfer, Dipl. Psych.
Projektmitarbeiter
Robert Körner, M.A.
