Projekt educare
Was ist das Projekt educare?
Leitbilder 'guter Kindheit' und ungleiches Kinderleben. Bildung, Betreuung und Erziehung aus der Perspektive der Politik, der Professionellen in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen, der Eltern und der Kinder
Die Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern in Kindergarten und Grundschule hat aktuell eine sehr große Bedeutung. Egal ob (Sprach-)Förderung, Ausgleich ungleicher Startchancen zwischen Kindern unterschiedlicher sozialer Milieus, frühe Erkennung von Kindern mit Lernschwierigkeiten oder die Wichtigkeit früher Bildung für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands – die Thematik wird in den Medien, in Wissenschaft und Politik diskutiert.
In den entsprechenden (fach-)politischen Berichten und Programmen zur frühen und professionellen Förderung von Kindern werden, so die Grundannahme unseres Projektes, Leitbilder 'guter Kindheit' konstruiert, die mit bestimmten Vorstellungen von guten Eltern, guten Kindergärten und guten Grundschulen einher gehen. Gleichzeitig enthalten diese Leitbilder immer auch Handlungsaufforderungen, die sich an die betroffenen Eltern, die Kinder, die Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrerinnen und Lehrer richten. Besonders an Kinder (und ihre Mütter und Väter) aus prekären sozialen Milieus und mit Migrationshintergrund, also an die sogenannten 'Bildungsverlierer' oder 'Risikogruppen', sind diese Aufforderungen häufig gerichtet. 'Risikokinder' brauchen, so die allgemeine Annahme, frühe Hilfe und eine professionell organisierte öffentliche Bildung.
In unserem sozialwissenschaftlich ausgerichteten Projekt educare untersuchen wir, welche Vorstellungen von guten Grundschulen und Kindertageseinrichtungen, von 'richtigem' Kind-, Schüler- oder Elternsein bei Eltern, Kindern sowie Fach- und Lehrkräften unterschiedlicher sozialer Milieus existieren. Uns interessiert auch, wie diese Gruppen mit den 'offiziellen' Leitbildern guter Kindheit umgehen und inwiefern dies für Bildungsungleichheiten relevant ist, das heißt, mit einer (unbewussten) Benachteiligung von Gruppen mit geringeren sozialen, kulturellen oder finanziellen Ressourcen einher geht. Wir erforschen also, welche Rolle den Kindern, Eltern sowie den Fach- und Lehrkräften in denjenigen Prozessen zukommt, in denen ausgehandelt wird, was unter 'guter Kindheit' verstanden werden soll.
Ziele und Fragestellung
Das Projekt educare setzt an den unterschiedlichen Vorstellungen, gegenseitigen Erwartungen, Haltungen und Praktiken der pädagogischen Fach- und Lehrkräfte, der Eltern und Kinder an, die durch ihre jeweilige soziale Herkunft geprägt sind. Wir beleuchten die Mechanismen der Re-Produktion von Bildungsungleichheiten bei Kindern im Vor- und Grundschulalter. Das Markenzeichen des Projektes ist damit ein multiperspektivischer Ansatz.
Mit dem Projekt educare verfolgen wir drei große Ziele:
1. Die bislang eher voneinander unabhängig bestehenden soziologischen, erziehungswissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Zugänge der Kindheits-, Ungleichheits-, und Bildungsforschung sollen aufeinander bezogen werden. Darin liegt der konzeptionell und empirisch innovative Beitrag des Projekts zur sozialwissenschaftlichen Grundlagenforschung.
2. Im Bereich der Fachpraxis sollen Anknüpfungspunkte aufgezeigt werden. Hier wird ein Beitrag zu einer reflexiven Form der Aus- und Weiterbildung hinsichtlich der meist unbewussten und unbeabsichtigten Rolle der Fach- und Lehrkräfte bei der Re-Produktion von Bildungsungleichheiten geleistet.
3. Einen Beitrag zur Entwicklung einer reflexiven politischen Berichterstattung sehen wir darin, dass 'verborgene' Annahmen über eine 'gute Kindheit' transparent gemacht und reflektiert werden können.
Forschungsdesign und Untersuchungsmethoden
Das Projekt educare nutzt bei der Bearbeitung der unterschiedlichen Teilfragestellungen ein breites Methodenrepertoire, bei dem sowohl quantitative als auch qualitative Ansätze zur Anwendung kommen.
Im Rahmen der ersten Projektphase 2010 wurden die theoretischen Grundlagen sowie der nationale und internationale Forschungsstand erarbeitet. Parallel hierzu entstand ein Forscher- und Forscherinnennetzwerk aus dem Kontext der Bildungs- und Kindheitsforschung.
Projektphase 2 umfasste eine erste qualitative Datenanalyse in Form einer Aufarbeitung der politisch hervorgebrachten Leitbilder 'guter Kindheit'. Zeitversetzt hierzu wurden in einer ersten quantitativen Datenanalyse repräsentative Daten zur milieuspezifischen Bildungsbeteiligung und zur Ausgestaltung von (früher) Kindheit erhoben.
Durch die vorangehenden methodischen Schritte wird in Projektphase 3 für 2012 eine quantitative Eltern- und Kinderbefragung sowie eine Befragung der Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen und Lehrkräfte an Grundschulen in zwei vergleichbaren Großstädten entwickelt und durchgeführt.
Im Anschluss an die quantitative Befragung sollen vertiefende leitfadengestützte Interviews mit Kindern, Eltern und Fach- und Lehrkräften aus unterschiedlichen sozialen Milieus und aus den größten Migrant/inn/engruppen in Deutschland durchgeführt werden.
Die vierte Projektphase besteht in der Verbindung der Ergebnisse mit der Qualifizierung der politischen Berichte und der Qualifizierung der Aus- und Weiterbildung von Fach- und Lehrkräften.
Meilensteine
Im August 2010 begann unser Projekt educare mit der ersten Phase. Es ging um die Ausarbeitung der theoretischen Grundlagen, die Sammlung des empirischen Materials und die Vernetzung verschiedener Forscherinnen und Forscher.
Seit Frühjahr 2011 waren Diskurs- und Sekundäranalysen des erarbeiteten Materials, entsprechende Publikationen und die Vorbereitung der Befragungen die zentralen Aspekte unserer Arbeit.
Im Sommer 2012 wird die quantitative Befragung der Eltern, Kinder und Fachkräfte stattfinden.
Projektverantwortliche
Mitarbeiterinnen
Stefanie Bischoff, Dipl. Päd. /staatliche geprüfte Lehrerin für Grund- und Hauptschulen
